Nice, neutral und bewaffnet: Die Schweiz gehört mit knapp 28 Schusswaffen in Privatbesitz pro 100 Einwohner*innen zu den am stärksten bewaffneten Ländern der Welt. Im Unterschied zur Spitzenreiterin USA ist die Zahl der Schusswaffentoten hierzulande vergleichsweise niedrig, etwas, das mit Ausbildung, Sicherheitskultur und Eigenverantwortung erklärt wird. Doch diese niedrige Kriminalitätsrate hat einen blinden Fleck.
Im internationalen Vergleich werden Schusswaffen in der Schweiz überdurchschnittlich häufig bei Femiziden und Familienmorden eingesetzt. Besonders gefährdet sind Frauen. Häusliche Gewalt ist eine der häufigsten Ursachen schwerster Gewaltverbrechen. Über die Hälfte aller Tötungsdelikte ereignet sich im familiären oder partnerschaftlichen Umfeld, in über 90 Prozent der Fälle sind die Opfer Frauen. Schusswaffen sind dabei das häufigste Tatmittel. Auch der Bundesrat sagt: Waffenbesitz ist ein zentraler Risikofaktor bei häuslichen Tötungsdelikten.
Eine 2025 veröffentlichte Studie des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann bestätigt dieses Muster eindrücklich: Die Tatpersonen bei häuslichen Schusswaffentötungen sind Männer, mehrheitlich Schweizer über 60 Jahre. Oft erschiessen die Männer nach der Tat auch sich selbst. Gleichzeitig zeigt die Studie gravierende Lücken auf: In vielen Fällen fehlen Angaben zur Herkunft und Legalität der verwendeten Waffen.
Umso absurder ist es, dass parallel politische Vorstösse diskutiert werden, die Munition wieder in die Haushalte bringen wollen. Die Wiedereinführung der Taschenmunition für Soldaten hätte das Risiko weiter erhöht. Zum Glück hat der Ständerat diese Idee seiner Sicherheitspolitischen Kommission in der Wintersession abgelehnt. Mehr Munition in Haushalten sind kein Beitrag zur Sicherheit, sondern eine Gefahr, besonders für Frauen.
Das eigentliche Problem liegt aber tiefer: Die Schweiz verweigert sich systematisch der Transparenz. Es gibt kein nationales Waffenregister, etwas, das in den meisten westlichen Ländern längst Standard ist. Mein entsprechender Vorstoss wurde 2024 im Parlament abgelehnt. Stattdessen werden Waffen kantonal erfasst, uneinheitlich und kaum vergleichbar. Zwar existiert eine gemeinsame Abfrageplattform für die Polizei, doch sie erlaubt keine aktive Auswertung. Deshalb wissen wir bis heute nicht, wie viele Waffen im Umlauf sind (aber wir wissen exakt, wie viele Kühe es gibt: 670'000).
Diese Blindheit setzt sich bei schweren Gewalttaten fort. Je nach Kanton wird unterschiedlich oder gar nicht dokumentiert, ob eine Tatwaffe legal war, woher sie stammte oder ob der Täter bereits wegen Drohungen oder Gewalt bekannt war. Die Waffenlobby reduziert dies gern zu einem technischen Detail. In Wahrheit ist es ein sicherheitspolitisches Versagen: Wer Risiken nicht systematisch erfasst, kann sie nicht verhindern. Ohne Transparenz gibt es keine Prävention – und ohne Prävention keinen Schutz. Leidtragende sind vor allem Frauen.
