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Wer die Kontrolle über Saatgut hat, hat Macht über die Ernährung. Mit der neuen EU-Regulierung zu Pflanzen aus neuer Gentechnik, die seit 17. Juni 2026 in Kraft ist, verschiebt sich diese Kontrolle weiter in Richtung weniger Konzerne. Ab Mitte 2028 dürfen viele gentechnisch veränderte Pflanzen in der EU ohne Risikoprüfung, ohne Koexistenzregeln und ohne Kennzeichnung der Lebensmittel auf den Markt. Wer einkauft, weiss künftig oft nicht mehr, was auf dem Teller landet.

Wenige Konzerne, dieselben, die schon heute den globalen Saatgutmarkt dominieren, sichern sich damit Rechte an genetischem Material, das über Jahrtausende von Bäuerinnen und Bauern gemeinsam weiterentwickelt wurde. Weil Patente auf CRISPR/Cas oft sehr breit formuliert sind, erstrecken sie sich auch auf Eigenschaften, die auf natürlichem Weg oder durch klassische Züchtung entstanden sind. Über Patente und dazugehörige Lizenzen schränken Konzerne wie Bayer, Corteva und Syngenta  nicht nur den Zugang zu neuen, sondern zunehmend auch zu konventionelle Sorten ein. Das sogenannte Züchterprivileg – das Recht, jede Sorte als Ausgangsmaterial für die Weiterzüchtung zu nutzen ohne Erlaubnis beim Sorteninhaber einholen zu müssen – wird damit faktisch ausgehebelt. Kleinere und mittlere, gentechfrei arbeitende Betriebe sind so mit hohen Lizenzgebühren und einer grossen Rechtsunsicherheit konfrontiert, da die Transparenz fehlt, welche Pflanzen von Patenten betroffen sind und welche nicht.

Vielfalt bei Saatgut ist eine friedenspolitische Versicherung: Je breiter die genetische Basis einer Landwirtschaft, desto widerstandsfähiger ist sie gegen Ernteausfälle, neue Schädlinge oder klimatische Extreme. Konzentriert sich diese Basis dagegen auf wenige patentierte Linien in der Hand weniger Konzerne, wird ein ganzes Ernährungssystem verwundbar – und Verwundbarkeit bei einem Grundbedürfnis wie Nahrung ist immer auch eine Frage von Macht und Sicherheit. Wer über Saatgut bestimmt, bestimmt mit, wie unabhängig ein Land, eine Region, ein Hof bleibt. Ernährungssouveränität ist eine Voraussetzung für Frieden im Kleinen wie im Grossen.

Diese Vielfalt zu erhalten, war historisch und ist vielerorts bis heute vor allem Arbeit von Frauen. Wer Saatgut über Generationen auslas, kreuzte, tauschte und weitergab, hat eine Wissensform gepflegt, die in keinem Patentregister steht und keiner Lizenz bedarf. Auch heute noch sind viele Frauen in die Pflanzenzucht involviert, so etwa in der Geschäftsleitung der Getreidezüchtung Peter Kunz oder Sativa Rheinau AG. Die klassische Pflanzenzüchtung gerät unter Druck, wenn Sortenvielfalt zunehmend patentiertem, zentral kontrolliertem Saatgut zum Opfer fällt. Der Kampf um Gentechnikfreiheit ist deshalb auch ein Kampf darum, wessen Wissen und wessen Arbeit an den Wurzeln unserer Ernährung zählt.

Die Schweiz hat ihr Gentech-Moratorium bis Ende 2030 verlängert. Somit dürfen keine gentechnisch veränderte Pflanzen in der Schweiz angebaut werden. Doch der Bundesrat bereitet parallel ein Spezialgesetz für Pflanzen aus neuer Gentechnik vor, das dieses Moratorium durchbrechen könnte. Die entsprechende Botschaft ans Parlament ist angekündigt, die eigentliche Debatte darüber steht uns noch bevor. Der Druck, sich den gelockerten EU-Regeln anzupassen, wird mit jedem Monat wachsen. Doch es ist keineswegs entschieden, dass die Schweiz ihre strengen Regeln im Umgang mit gentechnisch verändertem Saatgut und Lebensmitteln leichtfertig aufgibt.

Die Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) fordert von Bundesrat und Parlament, alle gentechnischen Verfahren – alt wie neu – konsequent unter dem bestehenden Gentechnikgesetz zu regulieren und zu kennzeichnen. Unterschreiben Sie den SAG-Appell «Keine EU-Gentechnik in unseren Tellern» und setzen Sie sich mit uns für Wahlfreiheit, Vorsorgeprinzip und eine unabhängige, vielfältige und gentechnikfreie Landwirtschaft ein.

https://gentechfrei.ch/appell

Marionna Schlatter, Präsidentin Schweizer Allianz Gentechfrei

 

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