Dieser Tage mailen mir hunderte Menschen, dass ich älteren Menschen das Autofahren nachts verbieten wolle. Was sie eint: Sie reagieren auf etwas, das ich nie gefordert habe.
Der Auslöser ist ein Artikel von 20 Minuten: «Grüne will über 70-Jährigen nachts das Fahren verbieten.» Mein Vorstoss, auf den sich der Artikel bezieht, fordert den Bundesrat auf zu prüfen, mit welchen Massnahmen sich die Verkehrssicherheit älterer Autofahrender verbessern lässt – von Fahrkursen über Praxistests bis zu allfälligen stufenweisen Einschränkungen (wie sie heute schon üblich sind). Eine Prüfung ist keine Forderung, ein Bericht ist kein Verbot. Kontaktiert für eine Stellungnahme wurde ich vor Publikation nicht.
Nach meiner Intervention wurde der deutsche Titel einige Stunden später angepasst. Die französische Version («Une députée verte veut bannir la conduite de nuit après 70 ans») trägt bis heute denselben unzutreffenden Titel. Das Video zum Artikel läuft parallel auf TikTok und Instagram weiter, mit derselben Zuspitzung.
Dieser Medien-Mechanismus ist ein Problem, das über diesen Fall hinausgeht.
1️⃣ Erstens, weil er eine Debatte verhindert, die es wert wäre, geführt zu werden. Die Zahlen sind eindeutig genug, um eine sachliche Diskussion zu tragen: 2025 haben über 70-Jährige mehr Unfälle verursacht als Junglenkende zwischen 18 und 24 Jahren. Über diese Frage könnte man streiten: Braucht es Massnahmen? Ab welchem Alter? Wie verhindert man, dass ältere Menschen in ländlichen Gebieten von Mobilität abgeschnitten werden? Über sie wird jetzt nicht diskutiert. Diskutiert wird über eine Forderung, die es nicht gibt.
2️⃣ Zweitens, weil die Korrektur strukturell zu spät und zu unvollständig kommt. Ein reisserischer Titel erreicht in den ersten Stunden ein Vielfaches der Reichweite, die eine stille Anpassung Tage später je erreichen wird. Wer zuerst die falsche Version teilt, hört von der Korrektur meist nie. Und wenn, wie hier, die Korrektur nur in einer Sprachversion erfolgt, bleibt der Fehler in der anderen einfach bestehen – mitsamt den Reaktionen, die er auslöst.
3️⃣ Drittens, weil das Muster nicht zufällig ist. Ein Titel, der eine Prüfung als Verbot verkauft, generiert mehr Klicks und mehr Empörung als einer, der akkurat beschreibt, was tatsächlich beantragt wurde. Das ist nachvollziehbar aus Sicht der Anreize einer Redaktion. Es ist trotzdem falsch, und es hat einen Preis, den nicht die Redaktion zahlt, sondern die Person, die im Titel steht, und die Debatte, die eigentlich hätte stattfinden sollen.
Ich vertrete meinen Vorstoss so, wie ich ihn eingereicht habe. Was ich nicht akzeptiere, ist, für eine Forderung angegriffen zu werden, die eine Redaktion erfunden hat, um mehr Klicks zu generieren.
Wer mit mir über Verkehrssicherheit streiten will, kann das gerne tun – anhand dessen, was tatsächlich beantragt wurde.
Clickbaiting und Rufschädigung: NEIN, ich will niemandem Auto fahren verbieten!
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